Kapitel 6: Leiche für hundert dünne Tage

Ein Regenschauer aus Kirschblüten ging auf Eusebia nieder.

Ihre sinnlichen Formen erblühender Weiblichkeit wogten einladend, als sie sich erhob und ihr Kleid glattstrich. So spät schon! Jetzt würde sie sich aber sputen müssen, rechtzeitig heimzukommen, um das Kartoffelbrot aus dem Ofen zu nehmen. Als sie durch den Park eilte, trug sie ihre Sandalen in der Hand, so dass sie an ihren Schnüren hinter ihr her flatterten, denn dieser Frühlingstag war einfach viel zu schön, um nicht barfuß durchs Gras zu laufen. Eusebius, ihr altersschwacher Papagei wartete schon zu Hause auf sie. Sie hatte ihn bekommen, als sie drei Jahre alt gewesen war, und da sie damals keine Namen gekannt hatte außer Mama, Papa und ihrem eigenen, war es ihr als eine grandiose Idee erschienen, ihren neuen Spielgefährten Eusebius zu taufen. Bei der GEZ führte das gelegentlich zu Schwierigkeiten.

Herbert lief jauchzend durch den Frühlingshain. Seine Sandalen hielt er in der Hand, denn das Wetter war viel zu herrlich, um nicht barfuß durch das saftige grüne Gras zu springen. Verträumt und beinahe ekstatisch sah er in den hellblauen Himmel, wo kleine weiße Wölkchen ihren Schabernack trieben. Geblendet vom gleißenden Licht der Sonne schloss er nur für den Bruchteil einer Sekunde die Augen, doch jener Moment genügte, um das Schicksal den Traum zur Wahrheit werden zu lassen. Zack! Herbert stieß völlig unvermittelt mit Eusebia zusammen und beide wurden durch die Wucht des Aufpralls zärtlich in das weiche Gras gepresst, Eusebia unten, Herbert auf ihr. Aber das Kartoffelbrot! Die junge Frau stieß Herbert schnell von sich und rannte ohne ein weiteres Wort davon. Nur ein kleiner bunter Schmetterling blieb Herbert treu und umsäuselte seine Nase, als dieser immer noch völlig perplex im grünen Gras lag.

Jahrelang schon ging Herbert jeden Mitwoch in den Waschsalon, weil er einmal in einer Frauenzeitschrift gelesen hatte, dass Waschsalons ein idealer Ort zum Kennenlernen seien. Immer war er mit der Hoffnung schwanger gegangen, die Frau fürs Leben zwischen dreckigen Socken und keuchenden Maschinen, befleckten Unterhosen und schmierigen Waschmittelbechern zu finden. Doch alles, was ihm begegnet war, waren verwitwete Alkoholiker, kauzige alte Weiber und linksextremistische Pädagogikstudentinnen. In seiner Verzweiflung vertraute er sich Dr. Torben Tordalk, dem Besitzer des Waschsalons an.

Und jetzt das! Das hübscheste Mädchen, das er je gesehen hatte. Und sie war direkt in ihn hineingerannt. Traurig beobachtete Herbert den Schleudergang der Maschine. Sie hatte ihm keine Gelegenheit gegeben, etwas zu sagen oder ihre Telefonnummer in Erfahrung zu bringen. Zumindest ihren Namen aber kannte er, Eusebia, der auf das Bündchen ihrer Unterhose gestickt war, auf deren Saum er einen kurzen Blick hatte erhaschen dürfen. Ihr Name ging ihm nicht mehr aus dem Kopf, während er mit Peters Gallseife vergeblich versuchte, einen hartnäckigen Ketchupfleck aus seiner Bundfaltenhose zu reiben. Interessiert sahen ihm die Zwerge dabei durchs Fenster zu. Er ignorierte sie, wie er es immer zu tun pflegte. Dieses aufmüpfige Pack!

Durch ihre Wohnung schwebte der Duft von frischem Kartoffelbrot, als Eusebia liebevoll das Teeservice der verstorbenen Großmutter aufdeckte. Sie erwartete Petralina Metralijova zum Tee, und da sie selten Besuch bekam, war dies Grund genug, das schöne Service einmal zu benutzen. Sorgsam richtete sie die vier kleinen Erdbeertörtchen kantenparallel zur Tischseite an, während Eusebius leise seinen Haarausfall beklagte. Aber heute hörte sie den Papagei gar nicht. Herbert ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. Herbert… war das überhaupt sein Name? Sie hatte ihn gestickt in den Kragen seines Hemdes gesehen, aber vielleicht war es nur irgendein Name. Womöglich trug dieser gutaussehende Jüngling nur just an diesem Tage das Hemd seines Protektoren, Dr. Albrecht Hahnbickel. So tief in Gedanken versunken kleckerte sie mit einem Mal – huch! – eines der Erdbeertörtchen auf ihr Kleid. Da hatte sie sich aber ungeschickt gegen den Tisch gelehnt! Nun würde sie sich umziehen müssen. Aber gottseidank war heute Mittwoch, sie konnte das Kleid also morgen bereits im Waschsalon waschen. Denn Donnerstag war ihr Wäschetag. Seit Jahren schon.

Autoren: phrixuscoyote, ceptor

Add comment November 24, 2009 ceptor
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Kapitel 1: Mehr stinkend als lebendig

„Lieber Leser, was ich dir zu erzählen habe, wird für dich ganz unvorstellbar klingen, aber bitte wage zumindest den Versuch, dich in mich hineinzuversetzen,“ sagte ich zu meinem langjährigen Freund Dr. Leser Turak, dem Enkel von Birtma Turak, einer indisch-rumänischen Adligen, die früher hier in der Nachbarschaft gewohnt hatte, aber bereits seit einem halben Jahrhundert tot ist. Leser spitzte gespannt die Ohren, um dem zu lauschen, was da kommen möge.
„Gestern traf ich eine Frau, die mein Leben verändert hat. Sie ist nur einen Meter zweiundsechzig, aber sie ist so groß wie die Welt. Ich meine damit nicht nur meine Welt, sondern die Welt von uns allen.“
„Dich scheint es ja ganz schön erwischt zu haben,“ schmunzelte Leser. „Aber erzähl mir mehr von ihr. Du hast mich neugierig gemacht,“ sagte er, während er sich gemütlich in dem wuchtigen Ohrenbackensessel zurücklehnte, den er mit seiner riesigen Statur vollkommen ausfüllte. Er schlug die Beine übereinander und blickte mich erwartungsvoll an, doch ich konnte nichts mehr sagen. Aus irgendeinem Grund fühlte ich mich nicht ernstgenommen. Oder lag es daran, dass ich plötzlich Zweifel hegte, ob mein alter Freund meine Geschichte wirklich in ihrer vollen Tragweite zu erfassen vermochte? Schließlich hatten diese Erlebnisse mein Leben in seinen Grundfesten erschüttert. So etwas hatte ich noch nie erlebt! Ich musste es einfach jemandem mitteilen, doch inzwischen war ich mir sicher, dass Leser nicht die richtige Person dafür war.
„Es tut mir leid, aber ich hatte ganz vergessen, dass ich noch einen Termin habe. Lass uns ein andermal reden.“ Mit diesen Worten verließ ich meinen Freund.

Auf der Straße tummelten sich viele Menschen. Das Wetter war schön. Für diese Jahreszeit war es verblüffend warm. Ich zog meinen Parka aus und schlenderte die Allee entlang. Eine Familie kam mir entgegen. Natürlich hätten es auch drei Personen sein können, die sich gar nicht kannten und nur zufällig zur gleichen Zeit des Weges daherkamen. Ein Mann mittleren Alters, der gerade mit seiner Arbeit in der Thunfischkonservendosenfabrik fertig und auf dem Nachhauseweg war. Eine Frau im selben Alter, die sich beim allwöchentlichen Kaffeeklatsch mit ihren Freundinnen verplaudert und die Zeit vergessen hatte und nun zusehen musste, dass sie rechtzeitig Zuhause ankommen würde, um ihrem Mann das Abendessen zu bereiten. Und ein Bub, vielleicht zwölf Jahre alt, der sich mit seinen Freunden treffen wollte, um wiedermal die Katze von Witwe Nachlaus zu quälen. Aber so war es nicht. Es war eine mir vollkommen unbekannte Familie auf dem Weg zur Beerdigungsfeier von Petralina Metralijova, die mir ebenfalls vollkommen unbekannt war, allerdings bereits eine entscheidende Rolle in meinem Leben gespielt hatte, ohne dass ich davon wusste.

Autor: ceptor

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Kapitel 5: Einzelgänger beten nicht

Und so geriet ich in die Fänge der Gruppe Z.
Ich denke, es ist nicht notwendig noch mehr Worte über das Wie und Warum zu verlieren. Abschließend möchte ich jedoch hinzufügen, so wichtig war das eigentlich alles gar nicht. Als ich nun Dr. Torben Tordalk nach langen Jahren wiedertraf, fühlte ich aufs Neue jene Vertrautheit, die mich schon einmal fast ins Verderben gestürzt hatte. Dr. Tordalk lehnte lässig an einer verdreckten Mülltonne, aus der stinkender Qualm schwoll. Ich kaute entspannt an einem alten Apfel und genoss den Herbstwind. Dr. Tordalk sah zu mir herüber und blies durch seine schmalen Lippen den Rauch seiner bis zum Filter heruntergebrannten Zigarette. Ich fragte mich, ob er immer noch dieselbe Marke rauchte; die Marke, die sonst kein Mensch auf der ganzen Welt rauchte. Schon damals wurde mir immer sofort übel, wenn sich der beißende Gestank seiner Glimmstengel durch meine Augen bis tief in meinen Leib bohrte. Dr. Torben Tordalk war kein Mensch. Um ihn nicht erkennen zu lassen, wie sehr er mich anwiderte, zwang ich mich zu einem freundlichen Lächeln und stieß zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor:
„Tordalk. Ich hatte gehofft, Sie hier zu treffen.“
Er schmunzelte höhnisch. Wie immer durchschaute er mich sofort. Und als ob er mit Dr. Tordalk unter einer Decke stecken würde, wandte sich nun auch der Herbstwind gegen mich, der eben noch so freundlich meine Haut umschmeichelt hatte und nun gemeinsam mit dem gerade einsetzenden eiskalten Regen mir ebenfalls nach dem Leben zu trachten schien.
„Jonathan,“ sagte Dr. Torben Tordalk und spuckte seinen Zigarettenstummel demonstrativ neben die Mülltonne. „Was ist mit dem vereinbarten Preis?“ fragte er und sein milchiges Glasauge funkelte mich boshaft an.
Ich wurde nervös. Zwar hatte ich mit dieser Frage gerechnet und Vorkehrungen getroffen, doch würde Dr. Tordalk wirklich darauf hereinfallen?
„Lassen Sie uns woanders reden. Hier wird es mir zu ungastlich.“ brachte ich hervor und wusste dabei selbst nicht, ob das Zittern in meiner Stimme durch den kalten Regen oder meine Angst hervorgerufen wurde. Die Angelegenheit vom Genfer See hing mir offenbar doch mehr nach, als ich gedacht hatte. Dr. Tordalk schaute mich mit leerem Gesicht an. Das Regenwasser tropfte von seiner Hutkrempe und perlte an seinem Ledermantel herunter.
„Nein,“ hauchte er bedrohlich. „Geben Sie’s mir. Sofort!“

Als der Fremde mir das uralte Siegel von Atlantis über den schmierigen Tisch der Kaschemme herüberschob, versuchte ich nicht aufgeregt zu wirken. Das Siegel von Atlantis war ein unfassbar wertvolles Herrschaftssymbol der Illuminaten, das hieß also, wer im Besitz des Siegels war, dem ward uneingeschränkte Herrschaft prophezeit. Ich wusste schon jetzt, dass der erste, der es würde haben wollen, Dr. Torben Tordalk war. Doch konnte ich das zulassen?

Autoren: phrixuscoyote, ceptor

Add comment November 10, 2009 phrixuscoyote
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